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8. Mai – Einstehen für Frieden und Freiheit

  1. Mai – Einstehen für Frieden und Freiheit

Als sich am Freitag, dem 8. Mai zum 81. Mal das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Befreiung Europas von der Nazi-Diktatur jährte, nahmen Gruppen und Initiativen das zum Anlass, öffentlich für Frieden und Freiheit einzutreten.
In einem kurzen und intensiven Impuls sprachen Schülerinnen von ihrer Friedenssehnsucht, und der Zeitzeuge Manfred Kamper erinnerte an den 8. Mai 1945. In Anschluss wurden Interessierte zum Kinocenter Husum gehen, um an der Vorführung des Historienfilms „Nürnberg“ teilzunehmen, der die dramatischen Ereignisse um die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse zum Thema hat (Deutschlandpremiere des Kinofilms: 07.05.26).

Die Initiatoren Vanessa Holdysz (Freunde helfen Konvoi) und Friedemann Magaard (Kirchengemeinde Husum) verbanden damit den Aufruf: „81 Jahre nach der Diktatur braucht es einen soliden Schulterschluss der demokratischen Kräfte, um gemeinsam für die Werte von Frieden und Freiheit einzustehen. Am 8. Mai setzen wir ein Zeichen gegen den Hass, aber auch gegen das Vergessen. Was uns im Grundsatz verbindet, ist viel stärker als das, was uns in manchen wichtigen Streitfragen auch trennt.“

Hier ein paar Eindrücke von Thomas Lorenzen: https://www.hantolo.com/galerien/20260508gedenkenanskriegsende

Die Rede von Propst em. Manfred Kamper:

8.Mai 1945 – 8.Mai 2026

Ansprache Propst em. Kamper, am Stolperstein Süderstraße Husum 19,00 Uhr

81 Jahre nach Kriegsende

Liebe Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt und dieses Landes, heute Abend versammelt zu zukunftsbestimmter Erinnerung an das Kriegsende des zweiten Weltkrieges 1945.Ihr habt mich, den früheren Pastor an St. Marien Husum und Propst des Kirchenkreises Husum-Bredtstedt, als Zeitzeugen benannt – mutig kann man das nennen, denn ich war an diesem Tage vor 81 Jahren gerade einmal 10 Jahre alt. Was weiß man schon in solchem Alter. Die Perspektive war der Größe des Knaben entsprechend klein, sehr klein sogar…

Doch es ist richtig mich so zu nennen – ganz einfach deshalb, weil ich zu den wenigen noch Lebenden gehöre, deren ganzes, nun 91-jähriges Leben, von den verheerenden 12-jährigen Naziherrschaft geprägt und mitbestimmt worden ist – nichts beigetragen, nichts verbrochen und doch hineingenommen in die Verantwortung des Volkes, zu dem ich mit Überzeugung, als leidenschaftlicher Demokrat gehöre. Immer wieder konfrontiert mit den Folgen der nationalsozialistischen Herrschaft und des Krieges.

Ich bin in Dänemark als kleiner Segler ein “tyske svinshund” gewesen, ich habe in Israel mit Überlebenden der KZ-Vernichtungslager mit Nummern tätowiert an einem Tisch gegessen. Ich habe unwissend auf dem Marktplatz, in Kragujevac gezeltet, auf dem einige Jahre vorher der männliche Teil der Bevölkerung erschossen worden war. Ich bin in Syrien dafür gelobt worden, dass unser Volk Hitler hervorgebracht hat. Ich habe im Radio die Urteilsverkündung im gleichnamigen Kriegsverbrecherprozess gehört – oft death bei hanging. In Thessaloniki habe ich von der Burg aus auf das ehemalige jüdische Viertel gesehen ,50 000 jüdische Menschen lebten da. Die Häuser heute auch sichtbar aus den Trümmern und den zerbrochenen Grabsteinen des Friedhofs gebaut – und mittendrin die Aristoteles Universität. Es dauert ein Leben, ein ganzes Leben, ein langes Leben um auch nur annähernd zu verstehen was angerichtet worden ist und welche absurd verbrecherische Taten in so doch kurzen 12 Jahren ein Volk anrichten kann. Mein Leben reicht für das Verstehen nicht aus, aber es reicht aus um, mit lauter Stimme soweit sie denn reichen mag zu rühmen und für Wert zu halten, was Demokratie, Freiheit und Menschlichkeit bedeuten – und zu begreifen was christlicher Glaube dazu beitragen kann, wenn er mutig gelebt wird.

Diese Arbeit hat – auf frühere Wurzeln gestützt mit der Befreiung begonnen.

Es war in den ersten Tagen des Mai 1945 an denen unsere Flucht aus Swinemünde in Timmersikfeld bei Handewit endete. Da waren wir nun unerwünscht und schrecklich müde. Den letzten Teil des Weges hatten wir auf einem Hänger hinter einem Lanz Buldog verbracht, der noch vor Kriegsende hinter dem Haus, das uns aufnahm, zusammengeschossen wurde. Da waren die Tiefflieger noch überall. Wir Kinder hatten uns unter die Betten verkrochen.

Dann hörten wir im Radio am 1. Mai, dass der Führer bis zum letzten Atemzug heldenhaft kämpfend gefallen sei – welch pathetischer Hohn.

Aufgewachsen bin ich in Flensburg in einer Umgebung von Menschen, die von nichts gewusst haben, die an nichts beteiligt waren und unwissend gewählt haben, nun reine Opfer waren, denen grässliches Unrecht geschah. Aber auch das sei gesagt, die Aufrechten in Schule, Kirchengemeinde, in der Akademie Sankelmark halfen zu lernen und zu verstehen, brachten mich auf den Weg. Von ihnen hörte ich das Brechtwort: „der Schoß aus dem das kroch ist noch nicht tot.“

Jetzt am Ende meines Lebens lese ich Umfragen mit dem Ergebnis, dass eine rechtsradikale Partei den Zug anführt. Ausgrenzung, Verachtung von Menschen, das ganze Repertoire schrecken viele nicht mehr.

Ich gehöre zu der Generation, die diese Entwicklung nicht verhindert hat – das ist schlimm.

Liebe Bürgerinnen und Bürger, so habe ich uns angeredet, wir haben die längste Friedenszeit in der bekannten Geschichte unseres Landes erlebt und doch haben beachtlich große Teile der Bevölkerung nicht gelernt mit schwierigen Situationen erwachsen und nüchtern umzugehen und das große Geschenk zu bewahren, das wir in unserer Zeit empfangen haben. So unvollkommen Vieles auch sein mag.

Ich möchte, dass weder ihr noch ich jemals in die Lage kommen mit Menschen umgehen müssen, die sagen:“ wir haben nicht gewusst, wenn wir auch nur geahnt hätten“, oder „wir haben gedacht, wenn sie an die Macht kommen, werden sie sich schon mäßigen“. Ganz deutlich: sie werden tun, was sie gesagt haben. Auch die Rechtsradikalen sagen es überdeutlich. Das kann jeder wissen. Ich bin es leid, immer wieder diese Richtigkeit zu hören.“ Nie wieder“ und dann ändert sich wenig.

Der Widerstand beginnt in der Schlange im Supermarkt, mit dem Widerstand gegen dumme Sprüche, er beginnt im Bekanntenkreis, wenn unsere Demokratie geschmäht wird, wenn Flüchtlinge diskriminiert werden. Wenn wir nicht wollen, dass unsere mühsam erlangten Fortschritte untergehen, dann sind offener Widerstand und hörbares Reden notwendig. Das ist heute und hier im Kreis der Gleichgesinnten leicht zu sagen, nur wird der Kreis der anders Gleichgesinnten größer und auch lauter. Offenes Lob unserer Lebensform ist nötig.

Euch, Junge Leute, hinterlässt unsere Generation ein Land in keiner guten Verfassung. Das müssen wir bekennen. Wir wollen aber doch bei euch stehen, wenn es um den Mut geht unserer Stadt, unserem Land, unserem Staat bei der Verteidigung der Demokratie zu helfen. Ja frisch und fröhlich ans Werk – das sind wir den Menschen schuldig.

Dies mit Überzeugung gesagt am 8. Mai 2026.

Manfred Pamper

Propst em.

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